Als Daniel und Victoria van Beuningen zum ersten Mal ihr zukünftiges Zuhause besichtigten – eine Villa in einem ruhigen Vorort von Wrocław, deutsch Breslau –, stand das Gebäude schon seit Jahren leer, die Fensteröffnungen waren zugemauert. Doch irgendetwas an dem überwucherten Grundstück sprach die beiden an. Sie konnten sich gut vorstellen, hier Hühner zu halten, Tomaten und Gurken zu ziehen. Daraus ließe sich etwas Schönes machen, die Kinder könnten im Garten toben und spielen.
Sie zogen in die Villa ein, wussten aber nur wenig über deren Geschichte vor dem Zweiten Weltkrieg, als Breslau noch zum Deutschen Reich gehörte; darüber, was sich dort in Kriegszeiten ereignet hatte, als die sowjetischen Streitkräfte die Stadt im Zuge der Schlacht um Breslau brutal belagerten; oder auch nur, was nach Kriegsende aus dem Haus wurde, als Hunderttausende Deutsche aus den nun polnischen Gebieten vertrieben wurden. In der Nachbarschaft war lediglich bekannt, dass sich in der Villa früher die Redaktion einer kommunistischen Zeitung befunden habe. Trotzdem wollten die van Beuningens Näheres erfahren, und ihre Nachforschungen brachten sie schließlich auf die Spur der Familie Meinecke in Heidelberg, deren Kinder sagten, sie seien in dem Haus geboren worden. Bei einem langen nachmittäglichen Treffen zeigten sie den van Beuningens Fotos der Villa aus fröhlicheren Zeiten vor dem Krieg, gaben dem Paar aber auch eine überraschende Warnung mit auf den Weg: Möglicherweise lägen im Garten die sterblichen Überreste von deutschen Soldaten begraben. Vielleicht nur ein paar, vielleicht mehr; man wisse es nicht genau.
Die van Beuningens waren sich zunächst unsicher, was sie von dieser Geschichte halten sollten, doch als Daniel van Beuningen bei Grabungsarbeiten für eine Wasserleitung einen Helm aus der Nazizeit zutage förderte, gewann sie an Glaubwürdigkeit. Ungefähr zur selben Zeit erreichte Victoria van Beuningen eine überraschende Nachricht von einem Archäologen. Was er zu sagen hatte, beunruhigte das Paar noch mehr – er sei auf ein Dokument gestoßen, laut dem sich auf ihrem Grundstück ein ganzes »Kriegsgrab« befinde. Ob sie einer Untersuchung zustimmen würden? Vielleicht lag es am zeitlichen Zusammenspiel der Ereignisse, doch für die van Beuningens war klar, dass eine Absage nicht infrage kam.
Wie sich herausstellte, handelte der Archäologe im Auftrag einer deutschen Privatorganisation, die überwiegend von ehemaligen Militärs geleitet wird und in der Öffentlichkeit wenig präsent ist. Der Volksbund, wie der eingetragene Verein sich nennt, folgt einer ungewöhnlichen Mission: Er will die Gräber aller Deutschen ausfindig machen, die im Zuge der vielen deutschen Kriege auf ausländischem Boden starben, um den Toten ein richtiges Begräbnis zuteilwerden zu lassen, unabhängig von ihrer Identität und ihren Taten.
An einem kalten Tag im März 2023 macht sich ein Team des Volksbunds mit einem Bagger im Garten der van Beuningens an die Arbeit. Schon bald stoßen sie auf eine aufgewühlte Erdschicht, ein typisches Zeichen für darunterliegende Gräber. Um keine Knochen zu beschädigen, setzen die Archäologen ihre Arbeit mit Kellen und Pinseln fort.
Victoria und ihr Sohn beugen sich über die Grube, als die Überreste einer jungen Frau bloßgelegt werden, in deren Schoß ein kleiner Schädel liegt: Eine Mutter und ihr Kind, genau wie wir, denkt Victoria. Fasziniert von den Vorgängen, fragen ihre Kinder, ob sie am nächsten Tag zu Hause bleiben dürfen, um bei den Ausgrabungen zuzusehen. Die Eltern erlauben es, und die ganze Woche lang beobachtet die Familie erstaunt, was aus der Erde hinter ihrem Haus zutage gefördert wird.
Da sind alte, verrostete Gegenstände wie Schlüssel und Ohrringe. Ein Kneifer. Ein goldener Trauring. Eine lange Kette mit einem Medaillon, in das der Name Wilhelm Korn eingraviert ist. Als jemand die Gebeine eines Wehrmachtssoldaten anhebt, fällt eine Puppe zu Boden, sie mag der Tochter des Toten gehört haben. Sorgfältig werden die Knochen eingesammelt, sortiert und in beschrifteten Kisten verschickt. Wo sich die van Beuningens einen Garten oder vielleicht einen Swimmingpool vorgestellt hatten, befindet sich nun eine Reihe von Erdhügeln. Die Zahl der gefundenen Toten ist erstaunlich: 128 Menschen. Enorm, aber nach Einschätzung des Volksbunds nicht unbedingt überraschend. In gewisser Hinsicht ist ganz Europa ein riesiger Friedhof, übersät mit den Überresten zweier Weltkriege, die nach konservativen Schätzungen etwa 56,5 Millionen Menschen das Leben kosteten. Viele verschwanden schlicht in den Trümmern, andere wurden eilig in unmarkierten Gräbern verscharrt. Während des europäischen Wiederaufbaus wurde ein Großteil dieser Schlachtfelder schlicht überpflastert, man hatte es eilig, ein neues Kapitel aufzuschlagen – die Mammutaufgabe, die Toten zu bergen, überließ man den kommenden Generationen. In vielen Ländern weltweit gibt es ähnliche Organisationen wie den Volksbund, doch nirgendwo ist diese Arbeit so heikel wie in Deutschland, wo die Erinnerung und das Vergessen mit einem ewigen Kampf um das Bewältigen – oder das Umgehen – einer Schuld verbunden sind, die so gewaltig ist, dass bis heute viele Symbole der nationalistischen Vergangenheit als Tabu gelten. In Deutschland wird die Staatsflagge mit der Ausnahme von Fußballspielen nur selten geschwenkt, und ein Hitlergruß kann mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden. Deutschlands Reaktion auf den Krieg in der Ukraine fiel zunächst verhalten aus, weil man nicht als Militärmacht wahrgenommen werden wollte.
Doch auch wenn Deutschland sich von den Relikten der eigenen Geschichte zu distanzieren versucht, tauchen sie immer wieder auf – zwischen achttausend und zwölftausend deutsche Tote werden jedes Jahr in Gräbern aus der Kriegszeit gefunden. Manchmal werden die Gebeine von Baggern ausgegraben, die in einem deutschen Dorf eine Tiefgarage ausheben sollen, manchmal von einer Telefongesellschaft, die Glasfaserkabel durch ein Schlachtfeld aus den 1940er-Jahren verlegen will. Zu Beginn der russischen Invasion der Ukraine 2022 stießen ukrainische Streitkräfte beim Anlegen von Schützengräben auf ein Skelett. Es handelte sich um einen deutschen Soldaten, der während des letzten Kriegs auf diesem Boden gestorben war, dem Überfall der Nazis auf die Sowjetunion über achtzig Jahre zuvor.
Weiter verkompliziert wird die Lage durch den Aufstieg der extremen Rechten in Europa und dem Rest der Welt. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg sind rechtsextreme Parteien in Italien, Österreich, Ungarn und den Niederlanden auf dem Vormarsch. Solche Bewegungen spiegeln die im Zweiten Weltkrieg verantwortlichen faschistischen Gruppierungen – und gehen in manchen Fällen direkt auf diese zurück. In Deutschland muss in diesem Kontext zuvorderst die AfD erwähnt werden, die seit den vorgezogenen Wahlen im Februar als zweitgrößte Kraft in den Bundestag eingezogen ist und die Anzahl ihrer Sitze fast verdoppeln konnte. Die AfD hat die öffentlichen Debatten über Themen wie Migration und den Klimawandel umgestaltet. Doch vor allem der Ansatz der Partei in Bezug auf die alten Tabus kollidiert krachend mit deutschen Normen. Führende AfDler verunglimpfen einen sogenannten »Schuldkult« und meinen damit die Art und Weise, wie in Schulen über die Nazivergangenheit gesprochen wird. Bei der US-amerikanischen Rechten buhlen sie um Unterstützung. Vor den Bundestagswahlen im Februar trommelte der Tech-Milliardär Elon Musk öffentlich für die AfD, nachdem er bei den Feierlichkeiten zur erneuten Vereidigung von Präsident Trump eine hitlergrußähnliche Geste gezeigt hatte. »Kinder sollten nicht die Schuld für die Sünden ihrer Eltern tragen, geschweige denn für die ihrer Großeltern«, sagte er bei einer Wahlkampfveranstaltung der AfD. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz einige Wochen später sicherte Vizepräsident JD Vance der autoritären Rechten in Europa seine Unterstützung zu und sagte den anwesenden Entscheidungsträgern, es gebe »keinen Raum für Brandmauern« zwischen extremistischen Parteien und den Zentren der Macht. Der Kommentar sorgte für empörte Reaktionen im Saal und für eine Zurechtweisung durch Bundeskanzler Olaf Scholz, »ein Bekenntnis zum ›Nie wieder‹« sei »nicht mit der Unterstützung für die AfD in Einklang zu bringen«.
Dieses Bekenntnis zum »Nie wieder« stellt den Volksbund vor schwierige Fragen, sieht er sich doch mit der Vorstellung von Schuld – sei sie individuell oder kollektiv – mit jeder Exhumierung aufs Neue konfrontiert. »Manchmal haben wir es mit wahrlich schlimmen Täterfiguren zu tun«, sagt Dirk Backen, der Leiter der Organisation. »In manchen Fällen sind uns die Biografien der Personen bekannt und wir wissen, dass sie, hätten sie den Krieg überlebt, vor Gericht gekommen und hingerichtet worden wären.« Es kommt jedoch auch vor, dass die Organisation nach einer Grabstätte für die exhumierten Gebeine deutscher Mütter und deren Kinder sucht, die von sowjetischem Geschützfeuer niedergemäht wurden, oder, und hier beginnt ein Graubereich, für die Überreste eines zwangsrekrutierten Soldaten im Teenageralter, der mit vorgehaltener Waffe zur Ermordung von Jüdinnen und Juden gezwungen wurde. Solche Fälle können die Komplexität der Geschichte widerspiegeln, oder aber – wie ich im Zuge meiner mehrmonatigen Recherche zum Volksbund und dessen eigener, teils kontroversen Geschichte lernte – sie verschleiern.
Die deutsche Suche nach gefallenen Soldaten beginnt in einem einsamen Kasseler Gewerbegebiet. An einem Herbsttag treffe ich mich hier mit Arne Schrader, einem pensionierten Major der Reserve, der in der Bundesgeschäftsstelle des Volksbunds der Abteilung Kriegsgräberdienst vorsteht. Nachdem Kassel, einst von Mittelalterarchitektur geprägt, zum Kriegsindustriezentrum der Nazis avanciert war, wurde es von den Alliierten in Schutt und Asche gelegt. In dieser veränderten Landschaft Kriegstote zu bergen, sei eine große Herausforderung gewesen, erzählt Schrader. In Archiven mögen Karten zu finden sein, auf denen Anhaltspunkte wie Kirchen oder Straßennetze Aufschluss über die Stätten von Soldatengräbern geben. Doch was, wenn es die Kirche nicht mehr gibt, die Straßen nun anders verlaufen? »Dann ist da nur noch ein Feld«, sagt Schrader. »Wo fängt man überhaupt an?«
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge – so der vollständige Name der Organisation – wurde 1919 als private Gruppierung gegründet, um nach im Ersten Weltkrieg Verschollenen zu suchen. Seine Mitglieder klopften an Haustüren und sammelten Kleingeld von Kriegswitwen und deren Kindern, die hofften, der Volksbund würde sie über den Verbleib ihrer Angehörigen aufklären können. Der Volksbund sieht es nicht nur als seine Aufgabe an, die Toten zu finden, sondern auch zu entscheiden, wohin mit ihnen – und schafft damit eine Art vertikal integrierten Vorgehens, bei dem die Toten zunächst exhumiert und dann wieder begraben werden, Letzteres oft auf Friedhöfen, die die Organisation außerhalb von Ortschaften angelegt hat und zeitlich unbegrenzt pflegt. Heute verwaltet sie etwa 830 Kriegsgräberstätten auf der ganzen Welt, auf denen 2,8 Millionen Deutsche bestattet sind. Das Budget des Volksbunds stammt hauptsächlich aus Spenden seiner Mitglieder, viele davon Verwandte der Toten. Die Organisation bietet geführte Besichtigungen der Kriegsgräberstätten an, um Denkanstöße zu liefern, wie man selbst wohl anstelle der Kriegsopfer gehandelt hätte. Die Toten verpflichten die Lebenden, so heißt es beim Volksbund oft.
Die schiere Menge exhumierter Gebeine, Millionen von Knochen, macht eine DNA-Analyse zu kostspielig, sodass die Forschenden anhand von Gegenständen, die bei den Toten gefunden wurden, Rückschlüsse auf deren Identität ziehen, etwa durch Erkennungsmarken oder Briefe von Angehörigen. Als ich neben Arne Schrader den Flur entlanggehe, passieren wir eine ganze Sammlung von Objekten, die die Jahre in den Gräbern überdauert haben: ein rostiges Kreuz, ein Glasauge mit blauer Iris, eine Taschenuhr, deren Zeiger auf fünf vor elf stehen geblieben sind.
Schrader zeigt mir eine Flasche, die einst Wein enthielt, bevor jemand eine getippte Botschaft hineinschob, unterschrieben mit: Franz Tauber. Geboren wurde er am 16. Juli 1918 und arbeitete als Milchmann, bevor er in den Krieg zog. Schrader hat einen Kollegen gebeten, in der Datenbank nachzusehen, doch der Volksbund hat noch keine Nachfahren Taubers ausfindig machen können. Am anderen Ende des Tisches liegen Hunderte Erkennungsmarken, in Ausgrabungsstätten gefunden, zu etwa je einem Dutzend in Stapel sortiert. »Dreihundert Leben auf einem Tisch«, sagt Schrader. »Vielleicht fünfhundert zurückgelassene Kinder. Dreihundert Ehefrauen. Die Frage ist, warum machen wir das?«
Die großen Fragen hatten Schrader nicht beschäftigt, bis er als junger Leutnant eine Volksbund-Kriegsgräberstätte in Belgien besuchte, wo fast vierzigtausend deutsche Soldaten liegen – viele davon zum Zeitpunkt ihres Todes im selben Alter wie damals Schrader und seine Fallschirmjägerkameraden. Die bloße Tatsache, dass diese Gräber existieren, warf für ihn Fragen nach militärischer Gewalt und der moralischen Verantwortung der Soldaten auf. »Wodurch erhalten Menschen das Recht, einander umzubringen?«, fragte er sich. »Wie kann es sein, dass ein Krieg aus jemandem, der 1938 ein liebevoller Familienvater ist, 1942 eine Kampfmaschine in Russland macht?«
Dennoch richten die Lebenden über die Toten. Wenn der Volksbund sich meldet und von einer Entdeckung berichtet, haben nur wenige Familien Interesse an den Gebeinen ihrer Nazivorfahren. Es gibt Gruppen, die mit ihrer Kritik am Volksbund in die Offensive gehen. 2020 riefen Mitglieder der antifaschistischen Szene zum Protest auf, als publik wurde, dass deutsche Amtsträger an Gedenkveranstaltungen auf einer Volksbund-Kriegsgräberstätte in den Niederlanden teilgenommen hatten, wo Nazigrößen wie Julius Dettmann liegen – der SS-Offizier, der Anne Frank festnehmen ließ.
Zudem starteten Vertreter jüdischer Gemeinschaften eine Petition, in der die betroffene Gräberstätte als »der rassistischste und antisemitischste Ort der Niederlande« bezeichnet wurde. Der Volksbund wischt solche Kritik beiseite: Wenn Europa sich der durch seine kriegerische Vergangenheit verursachten Zerstörung stellen soll, so die Argumentation, müsse es Orte geben, an denen der Toten gedacht wird – auch solchen wie Dettmann.
Einige Zeit nach meiner Rückkehr aus Deutschland mache ich Arthur Graaff ausfindig, der die Petition gegen die Kriegsgräberstätte ins Leben gerufen hat. »Die Toten gehören begraben«, sagt der Niederländer bei einem Telefonat. »Man kann sie ja nicht einfach liegen lassen.« Aber der Mann, der Anne Frank in den sicheren Tod schickte? Indem der Volksbund ihm ein Grab wie jedem anderen zugestanden habe, so Graaff, sei die Organisation in ihrer Mission zu weit gegangen: Dadurch würden tote Nazis erscheinen wie Kriegsopfer, nicht wie Verbrecher, was Graaff als eigentliches Motiv hinter der Grabpflege des Volksbunds vermutet.
Ich frage Graaff, wie er mit der Stätte verfahren würde, läge sie in seiner Verantwortung. »Ich würde sie mit einem Erdwall umschließen«, gibt er zur Antwort, »und die Brombeeren drüberwuchern lassen. Und damit hätte es sich.«
Der Volksbund bekommt seine Hinweise aus einer Vielzahl von Quellen, manchmal sogar von der Person, die die Toten verscharrt hat. Im Mai 2023 erzählte der 98-jährige Edmond Réveil einer Lokaljournalistin, er habe ein Geständnis abzulegen. Mit neunzehn sei er im Maquis gewesen, Teil einer Partisanengruppe, die gegen die Nazibesatzung in Frankreich kämpfte. In den letzten Kriegstagen habe sein Trupp 47 deutsche Soldaten gefangen genommen. Statt sie in ein Kriegsgefangenenlager zu bringen, hätten sie den Männern in der Nähe eines Dorfs namens Meymac befohlen, ihre eigenen Gräber zu schaufeln, und allesamt erschossen, ebenso wie eine Französin, die man für eine Kollaborateurin hielt. Laut Réveil hätten alle Mitglieder des Trupps an jenem Tag geschworen, über ihre Tat Stillschweigen zu bewahren. Nun seien alle außer ihm tot und er wolle mitteilen, was geschehen sei, und – für den Volksbund wahrscheinlich das Entscheidende – die genaue Stelle des Grabes preisgeben.
Als ich in jenem Sommer den Ort des Geschehens erreiche, hat der alte Mann die Deutschen bereits zu einer Stelle 15 Fahrtminuten außerhalb von Meymac geführt. Doch die Zeit ist nicht spurlos an dem mutmaßlichen Schauplatz der Massenhinrichtung vorübergegangen: Die einst kahlen Hügel sind mit hohen Douglasien bewachsen, nach Kriegsende gepflanzt. Trotzdem gibt sich der Volksbund zuversichtlich. Das Bodenradarsystem habe zwar keine Knochen erkannt, wohl aber etwas, das Geschosshülsen sein könnten, sowie Anzeichen aufgewühlter Erdschichten. Während die Deutschen sich an die Arbeit machen, begebe ich mich auf die Suche nach Réveil. Sein Bekenntnis war in Europa ein Medienereignis – mindestens ein Reporter hatte Réveils Haus observiert. Doch bei meiner Ankunft in Meymac hat sich der Presserummel bereits gelegt, und Réveil erklärt sich bereit zu einem gemeinsamen Mittagessen bei seinem Freund, dem Dorfzahnarzt.
Réveil trägt eine karierte Schiebermütze und verbittet sich alle Angebote, ihm an den Tisch zu helfen; abgesehen von seiner leicht gebeugten Haltung macht er für einen beinahe Hundertjährigen eine erstaunlich gute Figur. »Sie wollen also die ganze Geschichte hören?«, fragt er, als er sich gesetzt hat.
Sein Partisanentrupp sei von einem ehemaligen französischen Reservisten angeführt worden, den man Hannibal gerufen habe. Am 7. Juni 1945 habe der Trupp die Stadt Tulle angegriffen und am darauffolgenden Tag 55 Gefangene gemacht. Man habe den Soldaten die Möglichkeit gegeben, sich dem Widerstand anzuschließen, doch nur wenige seien darauf eingegangen, hauptsächlich von den Nazis eingezogene Tschechen und Polen. Blieben 47 Deutsche. Es gab niemanden, dem man sie hätte übergeben können, und der Trupp war zu klein, um sie in seiner Obhut zu behalten. »Wenn man einen Befehl erhielt«, sagt Réveil, »dann musste man ihn ausführen.«
Réveil erzählt, Hannibal habe geweint, als er von einem Befehlshaber die Anweisung erhielt. Der Kommandant sei unter den französischen Kämpfern der einzige gewesen, der Deutsch sprach, und er hatte die Gefangenen ein wenig kennengelernt. Manche seien wie er entlang derselben Grenze aufgewachsen. Niemand habe die französische Frau töten wollen – eine Kollaborateurin, so hieß es, aus einem Dorf namens Saint-Pardoux. Sie hätten Lose gezogen und die Tat sei einem Mann zugefallen, dessen Nachname Réveil als Texier erinnert, der Bruder eines Tischlers aus der Gegend. Nachdem die Grube ausgehoben worden sei, habe Hannibal den Deutschen befohlen, einen letzten Blick auf Fotos ihrer Familien zu werfen. Die Männer, deren Hinrichtung kurz bevorstand, seien Väter und Söhne gewesen, sagt Réveil. Je einen Schuss hätten sie auf jeden Gefangenen abgefeuert – und dann einen zweiten, um ihren Tod sicherzustellen – den »Gnadenschuss«, in Réveils Worten.
»Ich hatte kein normales Leben«, sagt Réveil zum Abschluss. »Was ich erlebt habe, wünsche ich niemandem.« Er isst seinen Nachtisch auf, dann fährt sein Sohn ihn nach Hause.
»Die Sache kommt mir vor, als hätte man ein Gespenst aus dem Schrank gezerrt.«
Als die Suche in den nächsten Tagen keine Fortschritte macht, wird die Stimmung bei den Volksbund-Mitgliedern angespannter. Im Internet tummeln sich Händler und Sammler von Nazi-Paraphernalien, und man befürchtet, Plünderer könnten auf der Suche nach Schätzen auftauchen. Gleichzeitig hat man im Dorf genug von der internationalen Aufmerksamkeit. Vor Réveils Bekenntnis erschien Meymacs Rolle im Widerstand gegen die Nazis klar heldenhaft. Nun ist in Onlinekommentaren mitunter von einem Massaker die Rede. An einem Tag in Meymac stoße ich beim Scrollen auf dem Handy auf eine Streitschrift, die die Dinge wieder ins rechte Licht rücken will. »Widerstandskämpfer sind das Gegenteil von Kriegsverbrechern!« steht da, die Kritik richtet sich gegen sensationsorientierte Berichterstattung über die Tötung der Gefangenen.
Bei einer Tasse Kaffee erzählt mir Céline Kompa, die Lokaljournalistin, die den ersten Artikel über Réveil veröffentlichte, wie man im Ort auf die Nachricht reagiert habe. »Vielen Leuten wäre es lieber gewesen, er hätte geschwiegen«, sagt sie. »Ich finde es extrem mutig von ihm, dass er an die Öffentlichkeit gegangen ist.« Anscheinend ist auch in Frankreich das Handeln der Soldaten im Krieg mit Tabus behaftet. Alle Seiten hätten sich schuldig gemacht, sagt Kompa, der Krieg habe das Schlechteste aus den Menschen hervorgeholt. »Die Sache kommt mir vor, als hätte man ein Gespenst aus dem Schrank gezerrt.«
Ende August macht im Dorf das Gerücht die Runde, es gehe mit der Suche nicht voran. Kaum jemand geht davon aus, Réveil könnte sich eine derart dramatische Geschichte ausgedacht haben, es gibt sogar Berichte, die seine Aussagen stützen; wahrscheinlicher ist, dass die genaue Stelle des Grabes eben noch nicht gefunden wurde. Réveils Geheimnis wurde so lange unter Verschluss gehalten, dass es womöglich nicht mehr ans Licht geholt werden kann. Zehn Tage nach Beginn der Grabungen verkündet der Volksbund in einer Stellungnahme, es seien alte Münzen und Patronenhülsen aus Kriegszeiten gefunden worden, aber keine Gebeine. »Solche Rückschläge gehören leider zu unserem Dienst«, heißt es in der Stellungnahme, »aber wir geben nicht auf und suchen weitere Informationen.«
Manche Nachforschungen des Volksbunds führen deutlich schneller zum Erfolg. Im vergangenen April erhielt ich einen Anruf: ob ich nach Budapest fliegen könne, die Organisation habe in Ungarn ein mutmaßliches Massengrab mit etwa eintausend Toten ausfindig gemacht, in der Nähe einer Autobahn an der Grenze zu Serbien und Kroatien. Der Boden sei sandig, weshalb die Ausgrabungen weniger Zeit benötigten als üblich, ich müsse mich beeilen, wenn ich vor Abschluss des Projekts vor Ort sein wolle.
Die Geschichte dieses Massengrabs begann mit der fünfzigtägigen Belagerung Budapests durch die sowjetischen und rumänischen Streitkräfte zu Kriegsende. In Ungarn herrschte mittlerweile das faschistische Regime der Pfeilkreuzler, das an der Seite der Nazis kämpfte und in nur fünf Monaten Regierungszeit Tausende Zivilisten tötete. Als die Sowjets die Stadt schließlich einnahmen, fanden die Kämpfe nicht nur in den Straßen, sondern sogar in der Kanalisation statt, und über einhundertfünfzigtausend Menschen verloren ihr Leben.
An einem sonnigen Frühlingstag parke ich auf einem Areal mit verlassenen Baracken aus Ungarns kommunistischer Vergangenheit. Die Gebeine Hunderter Männer, die meisten davon Deutsche und Ungarn, liegen offen in einer Grube. Ich steige aus dem Wagen und höre, wie sich über das Vogelgezwitscher das Klirren von Schaufeln legt. Die Grube ist etwa drei Meter tief, und ein ungarischer Soldat, der mit dem Volksbund zusammenarbeitet, bedeutet mir, zu ihm hinabzuklettern. Hinter dem Soldaten erhebt sich ein Knochenheer: Wo einst Männer lagen, ragen nun Rippen, abgebrochene Brustbeine, Wirbelstücke und Zähne aus der Erdwand. Auf dem Boden sitzen weitere Soldaten, die die Knochen mit Pinseln reinigen und sie sortieren; hier die Oberschenkelknochen, dort die Hüften. Auf einem Tisch stapelt sich eine Sammlung von Schädeln, Baumwurzeln hängen aus leeren Augenhöhlen.
Die Soldaten, deren Knochen wir betrachten – Angehörige der Wehrmacht oder ihre Verbündeten aus dem ungarischen Heer – hatten die sowjetische Besatzung überlebt und waren in ein Kriegsgefangenenlager in einer Ortschaft namens Baja geschickt worden, in der Nähe zur serbischen Grenze. Doch dort breitete sich nach ihrer Ankunft eine Krankheit aus, wahrscheinlich Typhus. Sie hatten einen Weltkrieg überstanden – die Älteren unter ihnen wahrscheinlich zwei –, um schließlich in einem Lager zu sterben, die meisten in ihren Betten. Die Sonne bricht durch die Wolken, und der ungarische Soldat und ich sehen gleichzeitig auf dem sandigen Boden etwas funkeln: eine Erkennungsmarke. Bald scharen sich Ungarn und Deutsche um die Fundstelle. Ein Teil des Geburtsdatums ist noch zu erkennen, 29. Juli, doch das Jahr ist bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Der Name lautet Péter Virág – der Nachname bedeute auf Ungarisch »Blume«, erklärt einer der Soldaten.
Am Tag nach der Ausgrabung fahre ich mit einigen Mitarbeitern des Volksbunds zu einem Friedhof bei Budapest, wo man gerade die Überreste zahlreicher Deutscher beisetzt, die während der Belagerung von 1944–45 starben. Es ist ein stiller Ort mit Hunderten weißer Kreuze und einem Stein, der als Inschrift ein Zitat Albert Schweitzers trägt: »Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens.«
Hier scheint sich die örtliche Bevölkerung mit dem Friedhof auf ungarischem Boden arrangiert zu haben, doch anderswo lösen die Kriegsgräberstätten des Volksbunds immer wieder Kontroversen aus. Bei meinen Nachforschungen zu anderen vom Volksbund verwalteten Friedhöfen stieß ich auf zahlreiche Berichte über Auseinandersetzungen, von denen manche schon Jahrzehnte zurückreichen und dem Konflikt in den Niederlanden um das Grab von Anne Franks Peiniger ähneln.
In einem Fall hatten Anwohner im italienischen Costermano herausgefunden, dass auf einem örtlichen Volksbundfriedhof neben zwei weiteren Nazigrößen Christian Wirth beerdigt liegt, SS-Mitglied und aufgrund seiner führenden Rolle in Hitlers Tötungsprogrammen mittels Injektionen und Gas auch »Christian der Grausame« genannt. Die Anwohner forderten die Entfernung der sterblichen Überreste, doch der Volksbund lehnte dies mit der Begründung ab, die Gebeine lägen in einem Massengrab. Erst nach vier Jahren Protest durch die Anwohnerschaft – und einer behördlichen Untersagung, weitere Tote auf dem Friedhof zu bestatten – wurden 1992 die Namen der Männer aus dem »Ehrenbuch« im Besucherzentrum des Friedhofs getilgt. 2002 erhob Israels Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Einwände gegen eine Veranstaltung des Volksbunds in Israel, bei der im Dienst an der Waffe gestorbener Deutscher gedacht werden sollte, darunter auch SS-Offizieren; die Veranstaltung musste verschoben werden. Im darauffolgenden Jahr regte der Volksbund den Bau eines deutschen Denkmals in der russischen Exklave Kaliningrad an, in unmittelbarer Nähe zu einem Friedhof für die Opfer der medizinischen Experimente der SS. An anderer Stelle wurden nach Streitigkeiten mit tschechischen Behörden, die für die Beisetzung deutscher Kriegstoter auf ihrem Boden mehrere Millionen Euro forderten, die Gebeine von viertausenddreihundert deutschen Soldaten jahrelang in einer örtlichen Toilettenschüsselfabrik zwischengelagert.
Über diese Kontroversen spreche ich mit David Livingstone, Historiker an der California Lutheran University, der zum Volksbund forscht. Er sagt, das heutige Handeln der Organisation lasse sich vermutlich auf deren Geschichte zurückführen. In der ehemaligen Bundesrepublik, wo der Volksbund seinen Sitz gründete, seien die Bemühungen, einstige Nazis aus ihren alten Positionen zu entfernen, zum Erliegen gekommen, als der Kalte Krieg mit der Sowjetunion zum drängendsten Problem Europas wurde. So sei es vielen ehemaligen Nazis möglich gewesen, eine Anstellung beim Volksbund zu finden und nach ihren toten Kameraden zu fahnden. Diese Männer seien nun lange tot, sagt Livingstone, und der Volksbund habe sich gewandelt. »Doch die Betriebskultur wurde von den Gründern der Organisation in den 50er- und 60er-Jahren geprägt, insbesondere Wehrmachtsveteranen«, so Livingstone.
Livingstone erzählt auch von seiner persönlichen Verbindung zu der Suche nach den Gräbern: In den frühen 2000ern habe er erfahren, dass sein Großvater mütterlicherseits auf dem Volksbundfriedhof in Costermano beerdigt sei. Einer Familienlegende zufolge sei der Großvater, ein Feldwebel, von seinen eigenen Männern erschossen worden, als er auch dann nicht von der Mission der Nazis abrücken wollte, als klar war, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Livingstone erzählt, er habe im Zuge seiner Recherchen für ein Buchprojekt über den Großvater dem Volksbund davon erzählt und darum gebeten, alle verfügbaren Unterlagen zu den sterblichen Überresten einsehen zu dürfen, um die Geschichte nachzuprüfen. »Mit einem Mal reagierten sie sehr ausweichend«, sagt er. »Kurz gesagt, ich habe nie eine Antwort erhalten.« (Auf Nachfrage gab der Volksbund an, die Kommunikation mit Livingstone sei »überaus höflich« verlaufen, doch die angefragten Dokumente seien »interne Arbeitsunterlagen, die der Volksbund nicht herausgeben kann.«)
Livingstone sagt, das Prinzip des Volksbunds, Soldaten als Opfer des Naziregimes darzustellen, stoße auf Grenzen: »Nach dem, was meine Forschung ergeben hat, würde ich von einem Narrativ der ›Großen Gleichwertigkeit‹ sprechen, in dem alle als Opfer gesehen werden. Doch ein jüdisches Opfer, seinem Zuhause entrissen, und ein durch die Alliierten ausgebombter deutscher Bürger gehören nicht in dieselbe Kategorie. Gerade jetzt, da wir in eine illiberale oder sogar autoritäre Weltsicht abzurutschen drohen, halte ich es für sehr wichtig, das zu betonen.«
An einem Sommernachmittag, auf der langen Autofahrt nach Wien, frage ich Dirk Reitz, den Landesgeschäftsführer des Volksbundbüros in Dresden, was der Aufstieg des Populismus für seine Arbeit bedeutet. Er hält einen Moment inne, bevor er eine Antwort formuliert. Es werde darüber diskutiert, wie der Volksbund mit der Aufmerksamkeit der AfD umgehen solle – die Partei habe Interesse an gemeinsamen Veranstaltungen bekundet. Reitz glaubt, dass der Volksbund als unparteiliche Organisation Kontakte zu allen politischen Parteien in Deutschland pflegen sollte. Manchmal würden die Dinge aber anders laufen als geplant, erzählt er. Vor Kurzem seien er und ein Kollege von einem AfD-Unterstützer eingeladen worden, bei einer Versammlung einen Vortrag zu halten. Bei ihrer Ankunft hätten sie sich inmitten einer Gefechtsnachstellung wiedergefunden, ähnlich den Bürgerkriegs-Reenactments in den USA. Dem Anschein nach habe es sich um eine Schlacht aus dem Zweiten Weltkrieg gehandelt, einige der Teilnehmer hätten SS-Uniformen getragen. Reitz sagt, die Uniformen seien ihm zu weit gegangen, er sei sofort gegangen. Auf meine Nachfrage, ob er den AfD-Unterstützer auf die Uniformen angesprochen habe, antwortet er: »Diese Unterhaltung steht noch aus.«
Reitz steuert den Wagen weiter durch die flache Landschaft in Richtung Wien. Kurz vor Sonnenuntergang klingelt sein Telefon, er nimmt den Anruf entgegen und es folgt ein kurzer Wortwechsel, bevor er auflegt. Ich will wissen, wer angerufen hat. »Der Mann, von dem ich gerade erzählt habe«, sagt er. »Ich habe ihm gesagt, dass gerade kein günstiger Zeitpunkt für ein Gespräch ist.«
Während der Volksbund im Umgang mit AfD-Mitgliedern eine gewisse Vorsicht walten lässt, spricht sich die rechtsextreme Partei offen für die Organisation und ihre Mission aus. Auf der AfD-Website ist ein Antrag der Parteivorsitzenden Alice Weidel zu finden, in dem die Finanzierung der Organisation als legislative Priorität gelistet ist, neben der Einführung eines »Gedenktages für ungeborenes Leben« und dem Vorhaben, Geflüchteten aus Gaza die Einreise nach Deutschland zu verweigern. Jan-Phillip Tadsen, der für die AfD im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern sitzt, sagt mir, er würde an den Volksbund spenden und bei Gedenkveranstaltungen Kränze im Namen der AfD niederlegen.
Unterstützung erfährt der Volksbund aus dem gesamten politischen Spektrum: Mehrere Mitarbeiter geben im Gespräch an, die wichtigsten politischen Förderer stammten aus CDU-Kreisen. Ein Parteimitglied der Grünen sagt, sie unterstütze die Organisation, weil diese sich für Frieden und gegen Rechtsextremismus einsetze.
Doch die Sorge vor einer Vereinnahmung des Volksbunds durch Rechtsextremisten treibt einige Mitglieder um, darunter auch den ehemaligen Präsidenten. »Ich fürchte, dass die Organisation große Gefahr läuft, instrumentalisiert zu werden«, sagt Markus Meckel, der den Volksbund bis 2016 leitete, bei einem Treffen in Berlin. Meckel, ein ehemaliger evangelischer Pastor, wuchs in Ostdeutschland auf, wo das sozialistische Regime die Errichtung von Denkmälern zum Zweiten Weltkrieg ablehnte, weil sie als grundsätzlich faschistisch galten – ein Ansatz, den Meckel für falsch hält, weil er den schwierigen Fragen der Geschichte ausweiche. Als Meckel 2013 an die Spitze trat, habe es ihn irritiert, welche Bedeutung dem Gedenken im Verein zukam. »Es gab da so eine gewisse Haltung: ›Unsere armen Jungs, schaut nur, was ihnen auf dem Schlachtfeld zugestoßen ist‹«, erzählt er. Eine Organisation, die so sehr mit der Vergangenheit befasst ist, schien das Mantra des »Nie wieder« beiseitezuschieben.
Meckel beschloss, eine Reform des Volksbunds in die Wege zu leiten. Nach einem Blick auf die Printerzeugnisse der Organisation befand er einen Großteil davon als unangemessen – da waren Gedenkbücher über tote Wehrmachtssoldaten, in denen deren Leben nacherzählt wurde, ohne die von deutschen Soldaten begangenen Verbrechen zu erwähnen, oder Weihnachtskarten an Spenderfamilien mit »traurigen Geschichten von der Westfront«. Die Broschüren, die der Volksbund auf seinen Friedhöfen ausgab, enthielten überwiegend Erklärungen zu den Friedhofsanlagen. »Da stand wenig über den Krieg, kein Wort darüber, wie die Soldaten überhaupt dort hingekommen waren«, sagt Meckel. Er ließ den Druck einstellen, bis das Material überarbeitet worden war. Meckel erzählt auch, man habe sich im Volksbund fast ausschließlich auf die Identifizierung von Gräbern deutscher Soldaten fokussiert und die Gebeine ziviler Tote außer Acht gelassen.
Bald nahm der neue Präsident auch die Finanzen des Volksbunds unter die Lupe. Eines der Probleme der Organisation lag darin, dass es mit jedem Jahr weniger Kriegswitwen gab, die spendeten, und das Budget stetig abnahm. Doch gleichermaßen beunruhigend war laut Meckel auch der überaus fragwürdige Hintergrund einiger Geldgeber. In einem Fall habe er vermutet, dass hinter einem wichtigen Geldgeber in Wirklichkeit eine von SS-Veteranen gegründete Organisation steckte. Die Gruppe habe ihre Spenden durch eine Wohltätigkeitsorganisation geleitet, um die Herkunft der Finanzmittel zu verschleiern, so Meckel. »Die Frage ist: Von wem kommt das Geld?«
(Auf Nachfrage identifizierte der Volksbund die Gruppe als die »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS« (HIAG), die nach zahlreichen Kontroversen schließlich aufgelöst wurde. Der Volksbund bestätigte, das Vermögen der HIAG sei auf eine Stiftung übertragen worden, mit der man später zusammengearbeitet habe. Laut dem Volksbund sei die SS-Angehörigengruppe »dem Selbstverständnis nach eine Hilfsorganisation« und dürfe deshalb spenden.)
Mit steigender Frustration beschloss Meckel, mit einem neuen Leitbild die Dinge ins rechte Licht zu rücken – ein erster Schritt, wie er hoffte, um Impulse für weitreichende Änderungen zu geben. Wie sich herausstellte, sollte dies Meckels letzte Kampagne bleiben. Sein Vorschlag hatte eine klare Positionierung des Verbands zum Ziel, der Zweite Weltkrieg solle als »Angriffs- und rassistisch motivierter Vernichtungskrieg« benannt werden, eine Formulierung, die Deutschland als Aggressor anerkennt und auf eine Resolution im Bundestag vor einigen Jahren zurückgeht. Doch in den Reihen des Volksbunds regte sich Widerstand. Eine Gruppe von Reservisten agitierte gegen Meckel, ein ehemaliger General bezeichnete den Vorstoß in einem Zeitungsartikel als »regelrechten Unsinn«, der Vernichtungskrieg sei ein »geschichtlicher Lehrsatz«, der »einer sachlichen Beweisführung und kritischer Prüfung« bedürfe. 2016 erkannte Meckel, dass seine Gegner zahlreich genug waren, um seine Abberufung durchzusetzen, und kam dem mit seinem Rücktritt zuvor. (Vonseiten des Volksbunds heißt es, Meckel habe den »Rückhalt verloren«, weil er sich über Entscheidungsfindungsprozesse hinweggesetzt und im Alleingang gehandelt habe. Dies habe im Volksbund zu Unmut geführt.) Nachdem Meckel öffentlich über den Widerstand gegen seine Reformen gesprochen hatte, beschloss der Volksbund das neue Leitbild und spricht darin von einem »Angriffskrieg«, ähnlich wie in der von Meckel vorgeschlagenen Formulierung – jedoch erst nach dessen Rücktritt. Meckel erzählt, er sei schockiert gewesen, eine solche Debatte so lange nach Kriegsende überhaupt führen zu müssen. Er sei skeptisch, ob die Formulierung schlussendlich etwas ändere. »Sie mögen das Leitbild angepasst haben, doch ihr Verhalten ist das gleiche geblieben«, sagt er. »Die Frage ist, wie können wir diese Soldaten betrauern und erinnern, ohne sie zu ehren?«
Die im Garten der van Beuningens exhumierten Gebeine sollen an einem verregneten Septembertag auf einem Volksbundfriedhof außerhalb Wrocławs beigesetzt werden. Zu diesen 128 Toten kommen weitere 178, die an anderen Stellen im Umland gefunden wurden, die meisten davon Wehrmachtssoldaten. 306 Tote werden also an diesem Tag beerdigt, erklärt man mir, samt einer soldatisch geprägten Gedenkfeier mit Militärdekan und Bundeswehrtrompeter.
Der Volksbund hatte nach Angehörigen gesucht, um sie einzuladen – nur eine einzige ist noch am Leben. Dennoch war die Veranstaltung gut besucht: Bei meiner Ankunft strömen Dutzende Deutsche aus Charterbussen: Volksbundmitglieder, die über drei Stunden aus verschiedenen Städten in Sachsen und Thüringen angereist sind. Eine Gruppe hat einen Kranz mit dem Emblem der Landsmannschaft Schlesien mitgebracht. Der Verband vertritt, wie ich später erfahre, die nach dem Ende des Naziregimes aus dem ehemals deutschen Schlesien Vertriebenen und deren Nachfahren. Vor einigen Jahren wurde seine Nachwuchsorganisation aus der Bundesgruppe ausgeschlossen, weil sie Kontakte zur rechtsextremen NPD unterhielt.
In den ausgehobenen Gräbern warten die sterblichen Überreste darauf, beigesetzt zu werden. Die Gebeine befinden sich in kleinen, jeweils etwa 60 Zentimeter langen Kisten, in ordentlichen Reihen auf dem Boden der Grube platziert, auf jedem Deckel ein Tannenzweig. Sie verteilen sich auf zwei gewaltige Gräber, eines für die Soldaten, eines für die zivilen Opfer – in beiden befinden sich ungefähr gleich viele Kisten.
Ich erkundige mich nach der vom Volksbund ausfindig gemachten Angehörigen, und kurz darauf mache ich die Bekanntschaft von Irmgard Aust, deren Großvater, Gustav Hiller, im Alter von einundsechzig Jahren im letzten Kriegsjahr getötet wurde. Aust erzählt mir, sie sei selbst Mitglied im Volksbund; sie erinnere sich aus ihrer Kindheit in Bayern noch daran, wie die Mitglieder mit Blechdosen Spenden gesammelt hätten. Als sie den Anruf erhielt, habe sie zunächst gedacht, man wolle sie um Geld bitten – stattdessen habe man ihr mitgeteilt, im Garten einer Villa seien die sterblichen Überreste ihres Großvaters gefunden worden. »Mir sind die Tränen gekommen«, sagt sie. »Ich war ganz aufgewühlt.« Aust zeigt mir ein Foto von Hiller; das Porträt in Sepia zeigt einen Mann mittleren Alters mit tief liegenden Augen, er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen Weltkrieg erlebt. Hiller habe nicht für die Nazis gekämpft, sagt Aust, doch das Regime habe ihn während der Schlacht um Breslau mit der Nahrungsmittelverteilung betraut. Im April 1945 sei er schließlich bei einem Luftangriff umgekommen.
Austs Ehemann Gotti zeigt mir weitere Bilder, doch irgendwann hält ihn seine Frau zurück. Gotti schließt das Album und blickt mit einem höflichen Lächeln auf – wie es scheint, haben wir eine Seite im Album erreicht, die das Paar nicht zeigen möchte. Auf meine Nachfrage, was auf den letzten Bildern zu sehen sei, erhalte ich keine Antwort.
Ein Glockenläuten verkündet den Beginn der Gedenkfeier. Es beginnt zu nieseln, mehrere Redner sprechen über den Krieg in Polen und die Verantwortung, die Deutschland für seine Verbrechen übernehmen müsse. Auch die deutschen Vernichtungkampagnen gegenüber Minderheiten werden thematisiert. In der Menschenmenge bin ich einer der wenigen Nichtdeutschen – kein polnischer Vertreter ergreift bei der Veranstaltung das Wort, obwohl einige Amtsträger eingeladen waren.
Und vielleicht liegt es an diesem Umfeld, dass ein neues Motiv Einzug erhält – nicht Schuld, sondern Trauer. Mehrere Beitragende sagen, dass ihre Angehörigen trotz der von Deutschland angerichteten Zerstörung auch Opfer gewesen seien und es ihnen ein Anliegen sei, auf eine persönliche Weise mit dem Krieg abzuschließen. Ein Redner erzählt von einem Verwandten, der am Weihnachtstag 1941 getötet worden sei. Der Militärdekan berichtet von seiner Großmutter, die nicht gewusst habe, ob sie ihren in Russland verschollenen Mann für tot erklären lassen sollte.
»Wenn wir vor Gott die Toten erinnern, haben wir keine Menschenmenge im Sinn – wir denken an einzelne Menschen: einen Namen, ein Zuhause, eine Familie«, sagt er. »Du, Gott des Friedens: Wir bitten dich für die Menschen, die wir heute hier bestattet haben – nur wenige kennen wir mit Namen, doch wir vertrauen: Für dich sind sie keine Nummer, sondern deine Kinder.«
Es folgt ein Moment des Schweigens, der Trompeter spielt. Später kommen Männer mit Schaufeln und beerdigen die 306 Toten zum zweiten Mal.
Einen Monat später bin ich mit Dirk Backen verabredet, ehemaliger Brigadegeneral und nun Generalsekretär des Volksbunds. Das Begräbnis hat einen merkwürdigen Eindruck bei mir hinterlassen, nicht nur, weil es mit militärischen Ehren abgehalten wurde, sondern auch, weil die Deutschen genauso betrauert wurden wie ihre Opfer. Mir ist bewusst, dass dies eine natürliche Reaktion ist, wenn Menschen ihre Toten beerdigen; gleichzeitig schien das ganze Zeremoniell eine unausgesprochene Regel bezüglich des Andenkens an speziell diese Soldaten zu brechen. Die deutsche Schuld war bei der Beisetzung durchaus anerkannt worden. Doch als es um die Verantwortung der eigenen Angehörigen ging, um ihr Handeln unter dem Naziregime – die »einzelnen Menschen«, wie der Dekan sie nannte –, wurde das »Nie wieder« durch persönliche Erinnerungen ersetzt. So wie Aust sich nur an positive Charaktereigenschaften ihres Großvaters erinnerte, blieben die monströsen, im Kollektiv begangenen Verbrechen in den Anekdoten unerwähnt. Wahrscheinlich fällt es Familien schwerer als Nationen, Geschichten von Schuld fortleben zu lassen.
Ich frage Dirk Backen, welche sonstigen Tabus in Deutschland im Wandel begriffen seien. Er nennt das Misstrauen gegenüber dem Militär. »Wenn ich damals als junger Soldat durch Hamburg ging, konnte es passieren, dass einem jemand im Vorbeigehen vor die Füße spuckte«, sagt er. Das würde sich derzeit ändern – Russlands Überfall auf die Ukraine habe gezeigt, dass die Deutschen ihre Haltung zum Pazifismus überdenken müssten: »Er bietet keinen Schutz vor denen, die uns schaden wollen.«
Nichts davon sei eine Rechtfertigung für die deutschen Kriegsverbrechen in der Vergangenheit, sagt er. Das Naziregime habe Deutschland ebenso wie einen Großteil Europas zerstört. Unter den vom Volksbund geborgenen Toten seien nicht nur Fahrer und Köche, sondern auch tatsächliche Massenmörder. Dennoch sei die Frage nach der Schuld komplex. Backen sagt, viele seien zum Zeitpunkt ihres Todes erst neunzehn Jahre alt gewesen. »Im Nachhinein kann man leicht sagen, sie hätten dieses oder jenes tun sollen. Ich frage mich oft: Wie hätte ich an ihrer Stelle gehandelt?«
Er erzählt mir eine Geschichte über seinen Großvater, der in der Wehrmacht kämpfte, nur um nach Hitlers Niederlage in ein Kriegsgefangenenlager geschickt zu werden, wo er von den Sowjets misshandelt worden sei. Als kleiner Junge im Nachkriegsdeutschland habe Backen seinen Großvater und dessen Bruder, beide ehemalige Soldaten, einmal beim Kaffeetrinken im Garten gesehen. Beide hätten tränennasse Gesichter gehabt. »Als Junge versteht man das nicht, aber wenn man älter und reifer wird, begreift man, warum sie geweint haben«, sagt Backen. »Aber meine Kinder? Die erleben so etwas nicht mehr.«
Ich musste an meinen E-Mailwechsel mit Serge Klarsfeld denken, einen 89-jährigen ehemaligen Nazijäger, der in Frankreich lebt. Auch er hatte sich an dem Protest gegen Julius Dettmanns Grabstätte in den Niederlanden beteiligt. Klarsfelds Familie erlebte den Krieg anders als Backens – sein Vater wurde in Auschwitz ermordet –, und er äußerte seine Frustration darüber, dass nach so vielen Jahren noch immer über das Grab diskutiert werden müsse. Für ihn war die Sache ganz einfach: »Wir haben protestiert, weil bekannt ist, dass in diesen deutschen Gräbern, auf diesem Friedhof, in einem zu Kriegszeiten von der Wehrmacht besetzten Land, zahlreiche SS-Angehörige liegen.«
Für Backen scheint sich die Lage weniger eindeutig darzustellen: »Wie sollen wir heute über jemanden urteilen, von dem wir wissen, dass er wahrscheinlich Falsches getan und Verbrechen begangen hat? Der Person wurde nie der Prozess gemacht. Sie konnte sich nicht verteidigen, weil sie vorher gestorben ist.«
Für ihn scheint es mehr Raum für Diskussion, für Nuancen und Zwischentöne zu geben, wenn es um solche sterblichen Überreste und die Biografien dahinter geht.
»Ich habe wirklich kein Bedürfnis, diese Menschen zu heroisieren«, sagt Backen über die Nazigebeine, die der Volksbund exhumiert. »Aber stellen Sie sich so einen Menschen einmal vor, auch wenn er ein Täter war: Stellen Sie sich vor, wie er als vielleicht achtjähriger Junge mit leuchtenden Augen vor dem Weihnachtsbaum steht, und …« Er hält inne. »Wurde er als Monster geboren? Als Täter? Nein. Er wurde von irgendwem dazu gemacht.«
Nicholas Casey schreibt als Journalist für das New York Times Magazine. Er hat zehn Jahre als Auslandskorrespondent in Europa, Lateinamerika und dem Nahen Osten verbracht und berichtete während des Präsidentschaftswahlkampfs 2020 über US-Politik.
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